Herr Mitterlehner, die Solidarität ist nicht ausgereizt, sie hat gerade erst begonnen!

Vizekanzler und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner meint dieser Tage im SN-Interview, dass „die Solidarität der Bevölkerung gegenüber Notleidenden“ mittlerweile „ausgereizt und überstrapaziert“ sei. Falsch Herr Vizekanzler, ganz falsch – Sie unterschätzen damit die Hilfs- und Gebebereitschaft der Österreicherinnen und Österreicher. Ich bin überzeugt: Die Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft hat gerade erst begonnen Noch immer haben fast zwei Drittel der österreichischen Gemeinden noch keinen einzigen Flüchtling aufgenommen. Da sehe ich noch viel Potential für Hilfebereitschaft und Nächstenliebe. Sie nicht?

Teilen, geben, helfen

Wenn ich mir Ihr Interview so durchlese, beschleicht mich fast der Verdacht, dass Ihnen die jüngsten Entwicklungen ein wenig suspekt sind. Teilen statt kaufen, geben statt nehmen, helfen statt jammern. Ja, dürfen’S denn das? Natürlich. Und wissen Sie was? Eine Gesellschaft kann an Ihren Aufgaben wachsen. Nicht im wirtschaftlichen Sinn, sondern im menschlichen. Und vom Vizekanzler erwarte ich mich mir in dieser Sache keine Demotivationssager sondern Unterstützung. Anstatt froh zu sein, dass die Zivilgesellschaft die politische Versäumnisse ausbügelt, richten Sie dieser aus, dass sie überstrapaziert ist? Zum Glück sind Sie nicht der Trainer unseres Fußball-Nationalteams…

Menschenrechte ausgereizt?

Viel eher scheinen bei Ihnen die Menschenrechte ausgereizt zu sein. Die Gewalt-Politik von Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban (immer noch Vizepräsident der Europäischen Volkspartei) bezeichnen Sie als „Notreaktion (…) die übertrieben war, aber das Problem verdeutlicht hat“. Habe ich das richtig verstanden? Wasserwerfer, Tränengas und Pfefferspray gegen Familien auf der Flucht einzusetzen, hilft, ein Problem zu verdeutlichen? Stacheldrahtzaun und Abschottung „nicht schön, aber nachvollziehbar“? Hier sehe ich das wahre Problem! Problem. Dass Menschenrechte in der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten EU so mit Füßen getreten werden, sollte nicht einfach so unter den Teppich gekehrt werden, nur weil man nicht die „guten Beziehungen“ gefährden will. Menschlichkeit und Menschenrechte gehen Hand in Hand. Abschottung, Gewalt und Willkür auch. Noch können wir uns entscheiden, auf welcher Seite wir stehen. Wenn wir wollen, hat die Solidarität gerade erst begonnen!

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