Der Tempo-80 Mythos

War der Titel schon reißerisch genug? Es geht noch besser: Ein Verein der Autolobby, eine Boulevard-Zeitung, ein Experte, mehrere rechts-populistische Parteien und ein gemeinsames Ziel: Gasfuß statt Tempobremse. Warum, weshalb, wieso? Die Salzburger Landesregierung hat nach einer mehrmonatigen Testphase im Jahr 2014 ein flexibles T-80-Limit auf der Autobahn rund um Salzburg eingeführt. Grund dieser Maßnahme war die jahrelange massive Überschreitung von Schadstoffemissionen durch den Straßenverkehr. Insbesondere die Werte gesundheitsgefährdender Stickoxide sind 200 Meter beidseits der Autobahn deutlich erhöht. In diesen Bereichen, in dem über 3.000 Menschen wohnen, ist u.a. vor allem für Kinder das Risiko an Asthma zu erkranken fünfmal so hoch!

Wirksam oder nicht?

Der erste Angriffspunkt der GegnerInnen war die Wirksamkeit der Maßnahme in Bezug auf die Schadstoffreduktion. Bereits der Probebetrieb 2014 zeigte aber einen Rückgang der Stickoxidkonzentrationen von sechs bis sieben Prozent. Das klingt wenig, entspricht aber einer einmonatigen Totalsperre der Autobahn. Auch im flexiblen Betrieb (etwa 50 Prozent der Zeit T-80 Schaltung, immer dann wenn das Verkehrsaufkommen hoch und die Stickoxidreduktion meteorlogisch günstig ist) können im ersten gesamten Jahresvergleich Rückgänge verzeichnet werden die einer dreiwöchigen Totalsperre der Autobahn entsprechen.

Die Autolobby-Organisation ÖAMTC hielt mit „Real-world-on-board“-Messungen des TU-Professors Ernst Pucher dagegen. Dieser hatte im realen Fahrbetrieb auf den betroffenen Autobahnabschnitten Messungen mit fünf verschiedenen Diesel-Fahrzeugen durchgeführt und daraus geschlossen, dass der Rückgang von Stickoxid-Emissionen bei Diesel-PKW durch T-80 „nicht signifikant“ sei. Die Landesstatistik hat nun die Zahlen von Prof. Pucher nochmals nachgerechnet und ist auf einen peinlichen Rechenfehler gestoßen. Der Rückgang der gemessenen Realemissionen entspricht in Wirklichkeit ziemlich exakt den theoretisch angenommen Werten… Dazu kommt die irrige Annahme von Prof. Pucher, dass neue Abgasklassen (Euro 6) die Emissionswerte ohnehin sinken lassen. Spätestens seit dem VW-Skandal weiß alle Welt, dass diese Rückgänge bestenfalls an realitätsfernen Prüfständen eingehalten werden – und das nur mit dem Einsatz von Schummel-Software. Ein letztes interessantes Detail am Rande: bevor Prof. Pucher im Sold der Autolobby stand, hatte ursprünglich er selbst den Grundstein für Tempo-80 gelegt. In einer Expertise aus dem Jahr 2002 hat er dem Land Salzburg folgendes empfohlen: „Personenkraftwagen – Hier kann bei einer Absenkung des Tempolimits von 100 auf 80 km/h mit einer Reduktion der streckenbezogenen NOX-Emissionen von ca. 20% gerechnet werden“. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Anzahl der Unfälle geht um 17 Prozent zurück!

Nachdem also die Schadstoffreduktionen als Angriffsfläche weggefallen sind, wurde das Thema Unfälle aus dem Hut gezaubert. Der Vorwurf eines Unfallsachverständigen lautete, dass durch Tempo 80 die Unfallzahlen gestiegen seien. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall, wie eine Auswertung der Statistik Austria, wie auch der Zahlen der Autobahnpolizeiinspektion (API) Anif zweifelsfrei zeigt. Am augenscheinlichsten ist das im langjährigen Vergleich:

Unfallzahlen T80

 

 

 

 

 

Bei der Unfallbetrachtung ist wesentlich, dass man nur die Strecken vergleicht, an denen tatsächlich Tempo-80 nach IG-L verordnet ist. In Baustellenbereichen oder im Umweltschutztunnel Liefering ist ohnehin permanent T-80 vom Verkehrsministerium verordnet. Ebenfalls herausgerechnet werden müssen Unfälle auf Parkplätzen und Tankstellen. Die Zahlen die von besagtem Sachverständigen verwendet wurden tun das leider nicht. Außerdem betrachtet er nur Spurwechsel- und Auffahrunfälle und lässt alle anderen Unfallarten (etwa Schleudern, Aquaplaning) außer Acht, was zu einer massiven und irreführenden Verzerrung der Ergebnisse führt.  Dazu kommt, dass in den Aufzeichnungen der API Anif erst ab 2014 begonnen wird die Unfallart aufzunehmen. 2014 wird noch in auffallend vielen Fällen „Sonstige“ vermerkt, erst 2015 wird die Unfallart konsequent und genau aufgezeichnet. Dementsprechend sinkt die Zahl sonstiger Unfälle von 199 auf 43 (!), ein valider Vergleich ist durch die ungenaue Datenlage jedoch seriös nicht möglich. Was sich jedoch mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass die Gesamtzahl der Unfälle von 2014 auf 2015 um rund 17 Prozent zurückgegangen ist.

Wahrscheinlichkeit für Unfälle mit Personenschaden bei T80 halbiert!

Das einzige Körnchen Wahrheit ist, dass Spurwechselunfälle tatsächlich zugenommen haben. Das wird auch von niemandem bestritten. Eine genauere Betrachtung nach Kilometerabschnitten zeigt aber, dass ein beträchtlicher Anteil davon jedoch im Lieferinger-Tunnel passiert – in dem kein IG-L 80 verordnet ist. Was der Sachverständige auch geflissentlich unterschlägt ist eine Betrachtung nach Verkehrsaufkommen (also gefahrenen Kilometern). Es spielt ja nicht nur die Zeit eine Rolle, in der T80 aktiv ist, sondern natürlich auch wie viele Fahrzeuge in dieser Zeit die Autobahn benützen. Schließt man diesen wesentlichen Faktor mit ein, kommt man zu folgendem erstaunlichen Ergebnis: Bei Tempo 80 ereignet sich pro 1,67 Millionen Fahrzeugen ein Unfall mit Personenschaden, bei T100 pro 830.000 Fahrzeugen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall mit Personenschaden ist bei Tempo 100 damit also mehr als doppelt so hoch wie bei Tempo 80!

 

Foto: Fotolia/TUNINGFOTOJOURNAL & Fotolia/Thaut Images (Montage)
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